Dass die am 27.11.1943 in Wesselburen/Schleswig-Holstein geborene Heidemarie Jiline Sander eine international bekannte Modedesignerin werden würde, war damals noch nicht abzusehen.

Die klaren Linien des Nordens nahm sie mit nach Hamburg, wohin sie zusammen mit Mutter, Stiefvater und zwei jüngeren Geschwistern zog. In ihrem Textilingenieurstudium in Krefeld lernt sie das Know-how für den perfekten Umgang mit Stoffen. Die Lust an Neuem, Unerprobten, nahm Jil Sander aus ihrem zweijährigen Aufenthalt in Los Angeles mit, wo sie bei der Modezeitschrift McCalls arbeite. Es folgten weitere Jobs als Modejournalistin bei den Modejournalen Petra und Constanze.

Das Leben dieser ungewöhnlichen Frau, die unaufgeregt aber konsequent ihren Weg gegangen ist, schien linear noch oben zu führen. Vielleicht war ihr Aufstieg auch mit der Emanzipation und des Feminismus verknüpft, die in dieser, ihrer Zeit, den Anfang nahm. Vielleicht war es aber Jil Sander, die durch ihre klare, praktische Mode für berufstätige Frauen der Emanzipation auf ihre Weise begegnete und befeuerte?

Jil ließ sich immer von ihrer Intuition leiten, schon als sie spontan den ersten Laden in Hamburg, nur wenige hundert Meter von ihrer Wohnung entfernt, anmietete, um Designermode zu verkaufen. Schon in dieser frühen Zeit hatte sie bei der anspruchsvollen Hamburger Kundschaft großen Erfolg. Sie jedoch gab sie sich damit nicht zufrieden. Ihre Kreativität suchte nach eigenen Wegen und sie begann nun, selbst Mode zu entwerfen. Jil Sander nutzte ihre Boutique, um erste eigene Kreationen zu verkaufen.

Mit ihren Entwürfen war Jil ihrer Zeit weit voraus. Als für Frauen Kleidung noch verspielt und „feminin“ zu sein hatte, gab es bei ihr klare Mode von Frau zu Frau. Jil Sander wollte Mode kreieren für die selbstbewusste, tatkräftige und doch weibliche Frau. Die Basis war ihr eigener Geschmack, so wie sie sich gekleidet sehen wollte. Dies führte dazu, Kreationen zu entwerfen für Frauen, die im (Berufs-) Leben stehen und eine schnörkellose, klare aber hochwertige Mode bevorzugen. Frauen sollten sich selbst gefallen und nicht irgendwelchen Stereotypen entsprechen. Sie sollten sich frei fühlen und dabei durch die besonders exquisiten Stoffe in Verbindung mit deren Persönlichkeit ein wirkungsvolles Auftreten haben.

Puristische, klare Linien, perfekte Ausarbeitung und höchste Qualität, das war es, was ihre Arbeit auszeichnete. Sie war auch die erste, die mit ihrem Gesicht für ihr Parfüm Woman Pure warb. Dem folgte später ein ebenso erfolgreiches Herrenparfüm sowie Herrenmode, die den gleichen Gesetzmäßigkeiten unterlag.

Jil Sander setzte auch Maßstäbe in der Geschäftswelt. Sie eröffnete die ersten Flagshipstores in Asien und ging mit ihrer Marke als eine der ersten an die Börse. Ihre Aktienmehrheit verkaufte sie 1999 an die Prada-Group, arbeite dort jedoch noch bis 2000 als Chefdesignerin. Aufgrund von starken Differenzen mit dem Firmenchef Bertelli stellte sie ihre Zusammenarbeit mit Prada ein, feierte jedoch mit ihrer „Comeback-Kollektion“ drei Jahre später einen fulminanten Erfolg. Inzwischen gehört die Marke Jil Sander zur japanischen Onward-Holding, für die sie von 2012 bis 2013 gearbeitet hat. 2014 jedoch zog sie sich ins Privatleben zurück. Die in privaten Dingen sehr zurückhaltende Jil gab „persönliche Gründe“ dafür an.

Heute ist bekannt, dass ihre damalige Lebensgefährtin Angelica Mommsen, von Jil Sander liebevoll „Dickie“ (oder nach anderer Schreibweise auch „Dicky“) genannt, erneut an Krebs erkrankt war. Angelica erkrankte schon 20 Jahre vorher an dieser tückischen Krankheit, glaubte jedoch, diese besiegt zu haben. Der Krebs kam jedoch zurück, die beiden Frauen hatten nicht mehr viel Zeit miteinander.

Am 01. Juni 2014 schloss die Frau, die über 30 Jahre das Leben mit Jil Sander geteilt hat, für immer die Augen. Jil und die Familie waren bei ihr und konnten sich verabschieden. Angelica Mommsen war zweimal verheiratet und Mutter von drei Söhnen und fünf Enkeln.

Angelicas Sohn Dominic von Werthern gab nach deren Tod „Bild am Sonntag“ ein Interview. Darin betonte er die starke Unterstützung seiner Mutter durch deren Partnerin Jil Sander. Sie habe ihre Karriere unterbrochen, um die letzten Monate mit ihr zu verbringen. Es sei schön zu wissen, „dass Liebe und Menschlichkeit viel mehr in Mode sind als Erfolg“.

Heute ist es noch stiller geworden um die Schleswig-Holsteinische Modeschöpferin. Sie war nie eine Freundin des Boulevards und des Jet-Sets. Gerüchten nach soll sie die Fotorechte ihrer Bilder aufgekauft haben, damit möglichst nichts oder wenig in Umlauf gerät.

Zudem wurde sie vom „Verein Deutscher Sprache“ im Jahre 1997 mit dem wenig schmeichelhaften Preis des „Sprachpanschers des Jahres“ ausgezeichnet. Jil Sander hat demnach auch sprachlich eine ganz eigene Linie, die sich frei über Grenzen des Üblichen hinwegsetzt.

Es ist die Freiheit der Jil Sander, die Freiheit aller Frauen, so zu leben und zu tun, was frau möchte!

 

Quellen:

www.vip.de

www.welt.de

www.focus.de/kultur

www.tagblatt.de

www.bildamsonntag.de

www.egotrends.de